„Vereine wie kleine Unternehmen führen“

„Vereine wie kleine Unternehmen führen“

Strukturelle Erneuerung mit dem Ziel der nachhaltigen Professionalisierung! OÖFV-Direktor Raphael Oberndorfinger spricht im Interview über die Zukunft des Funktionärswesens, das Aufbrechen alter Denkmuster, die existenzielle Bedeutung für den organisierten Amateurfußball und eine angemessene Würdigung wertvoller Arbeit.

 

Im Vereinscoaching konnten in den letzten Jahren viele Problemfelder beackert und Bedürfnisse der Klubs bedient werden. Kristallisiert sich dabei ein zentrales Thema heraus?

RO: „Wenn man das Feedback analysiert, lassen sich fast alle Rückmeldungen auf ein wesentliches Basisproblem bei vielen Vereinen zurückführen: Eine zu kleine Anzahl engagierter ehrenamtlicher Funktionäre ist mit ständig steigenden Anforderungen und einem zu großen Verantwortungsbereich konfrontiert, der die Zeitressourcen überstrapaziert und in Teilbereichen die individuellen Qualifikationen übersteigt. Die Praxis sieht doch beim klassischen Amateurklub so aus, dass es glücklicherweise viele Mitarbeiter für die Kantine oder den Ordnerdienst gibt, die Last der besonders verantwortungsvollen und zeitintensiven Aufgaben aber auf den Schultern von nur einem oder zwei Entscheidungsträgern liegt.“

Wo liegen die Ursachen für diesen Status quo?

RO: „Es ist ein Mix aus mehreren Faktoren: Viele rechtliche Verpflichtungen, steigende Bürokratie, das Ende des Mäzenatentums erfordert zeitgemäße Marketingprozesse, die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit hat zugenommen und dann gäbe es noch einige Punkte. Fakt ist: Vereine sind mittlerweile wie kleine Unternehmen zu führen. Das impliziert, dass ein Umdenken und eine strukturelle Erneuerung einsetzen müssen, um sich für die Zukunft aufzustellen. Die Maxime ist die nachhaltige Professionalisierung.“

Wie lassen sich die notwendige Professionalisierung und das Ehrenamt vereinbaren?

RO: „Ehrenamtliche Mitarbeiter sind die Basis des Vereins und werden es auch immer bleiben. Der gesamte Betrieb ist nur mit vielen helfenden Händen aufrecht zu halten, die sich freiwillig engagieren. Allerdings ist das Ehrenamt einem Wandel unterworfen: Früher hat sich jemand dauerhaft an den Verein gebunden, selbstlos und unentgeltlich Arbeit verrichtet. Der Trend geht aber in Richtung zeitlich befristete und oftmals projektbezogene Arbeit mit dem Ziel der Selbstverwirklichung und Netzwerkbildung – und das oftmals auf Basis einer Entschädigung. Für die notwendige Professionalisierung wird man Know-how in den Verein transferieren müssen und die Arbeit dieser Personen wohl auch dementsprechend honorieren.“

Sollen Amateurvereine nun hauptamtliche Mitarbeiter einstellen?

RO: „Nein, natürlich nicht. Das ist in der Realität nicht machbar. Aber eine Entschädigung, die im halbwegs angemessenen Verhältnis zum Aufwand steht, ist denkbar. Wir reden da beispielsweise von 300 Euro im Monat, und zwar nur für die sogenannten Schlüsselfunktionäre, die spezielle Qualifikationen mitbringen. Aufgrund der gestiegenen Herausforderungen werden für diese Funktionen mehr Arbeitszeit und vor allem mehr Kompetenzen notwendig sein, zumal auch die Verantwortung immer größer wird. Einige Amateurvereine in höheren Leistungsstufen praktizieren das schon und sind mit diesem Weg happy, weil sie ihr Ziel, eine gute Vereinsstruktur aufzusetzen und Verbesserungspotential abzuschöpfen, erreicht haben.“

Vor allem kleinere Vereine werden sich fragen, wie das finanziert werden soll, da die Mittel bekanntlich ohnehin knapp sind . . .

RO: „Zuerst sollten einmal alte Denkmuster aufgebrochen werden. Wir haben die paradoxe Situation, dass es völlig normal ist, dass Spieler für die Ausübung ihres Hobbys, Trainer oder sportliche Leiter oftmals monetäre Entschädigungen erhalten. Aber just jene Personen, die für die Rahmenbedingungen für die Abwicklung des Spielbetriebs sorgen,  bekommen meistens nichts. Und genau diese Schlüsselfunktionäre sind immer schwerer zu finden.  Irgendwann mündet das in einem existenziellen Thema, da ohne die Funktionäre ein organisierter Fußballbetrieb nicht möglich ist. Die logische Konsequenz wäre, eine Budgetumschichtung vorzunehmen, also Mittel für Funktionäre bereitzustellen. In Wahrheit finanzieren sich Funktionäre aber selbst.“

Inwiefern lukrieren die Schlüsselfunktionäre selbst die Mittel für ihre eigene Entschädigung?

RO: „Ein guter Marketingmann generiert Einnahmen durch die Sponsorakquise, diverse Marketingaktivitäten und Veranstaltungen. Ein gewissenhafter Klubadministrator schöpft beispielsweise alle Fördermöglichkeiten aus, derzeit lassen viele Vereine jedes Jahr Geld liegen.  Man schafft also Personalressourcen, um Aktivitäten umzusetzen, die Geld bringen. Und davon lassen sich die Entschädigungen stemmen, während sogar für den Verein noch einiges überbleibt. Außerdem muss eine Entschädigung nicht immer monetär sein.  Es gibt auch andere Formen, um Danke zu sagen, etwa Gutscheine oder Kleidung im Vereinsdesign.“

Gibt es abgesehen von möglichen Mehreinnahmen weitere Vorteile für Vereine?

RO: „Es würde eine Reihe von positiven Nebeneffekten geben, wenn Schlüsselfunktionäre monetäre Anreize erhalten. Höhere Spezialqualifikationen bringen mehr Professionalität im Verein, mit der bei allen Interessengruppen bis hin zu Sponsoren und der Politik  gepunktet wird. Die Chance, neue Funktionäre zu gewinnen und zu motivieren, steigt enorm. Die wenigen Entscheidungsträger, die bisher alles alleine geschultert haben, werden entlastet. Gleichzeitig vermindert sich das Risiko, dass ein Verein Funktionäre unerwartet über Nacht verliert. Und es würde eine größere Verbindlichkeit des Vereins gegenüber dem Funktionär bestehen. Macht ein Ehrenamtlicher einen Fehler, habe ich als Verein keine Handhabe. Wie man sieht, könnte man also viele aktuelle Kernprobleme aus dem Vereinsalltag beseitigen oder zumindest signifikant reduzieren. Und noch ein ganz wesentlicher Aspekt geht damit einher: Es wird auch die wertvolle Arbeit eines Funktionärs endlich einmal angemessen gewürdigt. Anerkennung ist wichtig, aber Ehrennadeln oder ein Danke inklusive Schulterklopfer allein sind speziell aufgrund der gestiegenen Anforderungen und respektablen Höchstleistungen vieler Funktionäre einfach zu wenig.“

Warum geht der Verband bei diesem Thema in die Offensive?

RO: „Weil es das Gebot der Zeit ist! Uns ist es lieber, den Wandel aktiv mitzugestalten, als auf den Wandel reagieren zu müssen, wenn es vielleicht schon zu spät ist. Wir haben keine Berührungsängste, dieses Thema anzusprechen. Zumal wir keine Fantasiethesen lancieren, sondern die Meinungen von Experten filtern und kanalisieren. Letztendlich kann jeder Verein autonom entscheiden, wie er vorgehen möchte. Es gibt ja von uns keine verpflichtenden Auflagen, sondern nur einen Weckruf und die Möglichkeit zur freiwilligen Inanspruchnahme unserer Angebote.  Der Verband nimmt seine Rolle als Interessensvertreter und Dienstleiter bestmöglich wahr und setzt da konkret mit dem Vereinscoaching an, weil es genau das forciert, was richtungsweisend ist: Der gezielte Erwerb von Qualifikationen und die Entwicklung von Kompetenzen der Funktionäre! So gesehen sind wir der Begleiter auf dem Weg auf die nächsthöhere Professionalisierungsstufe. Es ist auch geplant, bei der Vereinscoaching-Tagung im Februar den inhaltlichen Schwerpunkt auf die Zukunft des Funktionärswesens zu legen.“