„Verband ist Dienstleistungszentrum geworden"

„Verband ist Dienstleistungszentrum geworden"

Keiner kennt die Fußballstrukturen im Wandel der Zeit so gut wie er . . . Gemeint ist Heinz Kohl, der sich nach 40 Jahren beim OÖFV mit Ende Juni in die Pension verabschiedet. Vorher lässt der Landesdirektor im Interview Revolutionen, Problemfelder und Entwicklungen Revue passieren.

 

DP: Wie sehr hat sich der Verband in seiner Ausrichtung in den letzten Jahrzehnten verändert?

HK: "Der OÖFV feiert in drei Jahren sein hundertjähriges Bestehen. Ich bin seit 40 Jahren dabei und durchaus stolz darauf, dass ich speziell in den letzten 20 Jahren den Verband als Geschäftsführer auch aktiv mitgestalten durfte. Bei meinem Eintritt im Jahr 1976 war die Geschäftsstelle des Verbandes eigentlich ein reines Verwaltungsorgan, nunmehr hingegen ist diese zu einem breit aufgestellten und kompetenten Dienstleistungszentrum für seine Mitgliedsvereine geworden. Der damalige Präsident Josef Fuchs hat die finanzielle Grundlage gelegt, welche es dem Verband dann unter der Führung von Präsident Windtner ermöglicht hat, mit der Errichtung des Verbandszentrums in der Daimlerstrasse im Jahr 2002 und mit der Entwicklung und Einführung des Online-Fußballsystems enorme Qualitätssprunge zu vollziehen. Präsident Götschhofer hat nun in seiner bisherigen Amtszeit das Projekt Vereinscoaching, welches ursprünglich den Vereinen nur in sportlichen Angelegenheiten unterstützend zur Seite stehen sollte, zu einer alles umfassenden Einrichtung ausgebaut, welche die Vereine auch bei Themen wie Recht & Finanzen, Organisation, Marketing & Medien, Gesundheit oder auch Soziales schult und unterstützt."

DP: Welche neuen Aufgaben und Kernkompetenzen sind dazugekommen, um den Anforderungen der Weiterentwicklung des Fußballwesens Rechnung zu tragen?

HK: "Sah der Verband früher seine Aufgabe vorwiegend darin, den Spielbetrieb zu organisieren und abzuwickeln sowie die Spieler und deren Spielberechtigung zu verwalten, so wird heute zusätzlich vermehrt der Tatsache Rechnung getragen, dass Fußball mehr ist als nur ein Spiel. Neben den wichtigen Kernaufgaben wird heute auch viel Augenmerk auf Themen im Umfeld unseres Sports gelegt. Das Projekt Vereinscoaching wurde so angelegt, dass schnell auf aktuelle Entwicklungen eingegangen werden kann. Themen wie Sportlerbegünstigung, der neue Wartungserlass oder zuletzt die Registrierkassenpflicht werden sofort aufgegriffen und den Vereinen entsprechende Schulungen angeboten. Dass unsere Bemühungen auch außerhalb unserer Fußballfamilie Anerkennung finden, zeigt sich etwa darin, dass der OÖFV im Jahr 2014 vom Österreichischen Integrationsfonds mit dem "Integrationspreis Sport "ausgezeichnet wurde. Aber auch bei der Ausbildung der jungen Fußballtalente hat sich viel getan. War dies früher ausschließlich den Vereinen selbst überlassen, so gibt es heute auch hier viel Unterstützung für die Vereine, indem vom Verband professionelle Landesverbandsausbildungszentren betrieben werden."

 

DP: Inwieweit hat der technische Fortschritt die Zusammenarbeit der Geschäftsstelle mit den Vereinen revolutioniert, erleichtert oder erschwert?

HK: "Hier ist sicherlich der größte Sprung passiert. Das heute österreichweit umgesetzte EDV-Fußballorganisationsprogramm "fussballösterreich" fand seinen Anfang ja bekanntlich in Oberösterreich. Es wurde von uns entwickelt und nach einer kurzen Pilotphase in einem Kraftakt flächendeckend im ganzen Land eingeführt. Heute könnte sich niemand mehr vorstellen, dass etwa ein Spieler seine Spielberechtigung frühestens 14 Tage nach der Anmeldung beim Verband bekommt oder dass man Spielergebnisse und Tabellenstände erst jeweils am Dienstag nach dem Spielwochenende erfahren konnte und da war nicht garantiert, ob sie auch hundertprozentig stimmen. Heute gelingt die Datendarstellung in Echtzeit, das System kennt das Regel- und Bestimmungswerk und schafft so für den Nutzer zusätzliche Sicherheit. Auch die Kommunikationswege zwischen Verband und Vereinen sind auf ein Minimum geschrumpft."

DP: Wie haben sich die Bedürfnisse der Vereine im Wandel der Zeit verändert?

HK: "Der gesellschaftliche Wandel ist natürlich auch am Fußball nicht vorbeigegangen. Konnten sich Vereine früher vorwiegend aufs Fußballspielen konzentrieren, so muss sich ein Verein heute auch mit Themen wie Steuer- und Abgabenrecht, mit Haftungsfragen oder dem Wartungserlass auseinandersetzen. Früher musste ein Vereinsfunktionär neben der Liebe zum Fußball ein gewisses Organisationstalent mitbringen, heute reicht dies leider nicht mehr aus. Daher setzen wir nun unsere Kraft vermehrt ins Projekt Vereinscoaching - in der Gewissheit, damit ein drohendes "Funktionärssterben" von den Vereinen abwenden zu können."

DP: Wie haben sich wesentliche Kennzahlen und die Anzahl der Vereine oder der Spieler entwickelt?

HK: "Fußball war und ist die beliebteste Sportart der Österreicher. Bei meinem Eintritt vor 40 Jahren zeigte die Fußballlandkarte in Oberösterreich schon keinen weißen Fleck mehr. So wie jede Gemeinde ihre Kirche und ihr Feuerwehrhaus hat, hat sie auch ihren Fußballplatz. Es gab zwar vereinzelt Vereinsauflösungen, aber im gleichen Ausmaß auch Vereinsneugründungen, so dass die Anzahl der Mitgliedsvereine konstant blieb. Auch bei den aktiven Spielern ist es uns bisher gelungen, die Anzahl trotz Geburtenrückgang und der großen Konkurrenz eines immer attraktiver werdenden Freizeitangebotes zu halten. Ja, vielmehr verspüren wir aufgrund der tollen Leistungen unserer Nationalmannschaft momentan wieder ein gesteigertes Interesse."

DP: Das Reglement wird jährlich adaptiert. Welche Bestimmungen haben sich besonders als wirksam und zielführend entpuppt?

HK: "Es wurde immer schon versucht mit Sonderbestimmungen regulierend einzugreifen. Jedoch war früher die Notwendigkeit geringer, da es weniger Außeneinflüsse gab als heute. Speziell der EU-Beitritt mit dem damit verbunden Recht auf Freizügigkeit im Sport brachte einen enormen Wandel. Das "Bosman-Urteil" stellte das Transferwesen auf den Kopf und zwang die Verbände ihre Regularien zu ändern. Vereine haben oftmals nur den kurzfristigen Erfolg im Visier, der Verband hingegen ist bestrebt, Grundlagen zu schaffen, die garantiert den Vereinen langfristig eine gute Basis bieten sowie das sportliche Niveau entsprechend hoch halten. Mit der Pflicht Eigenbauspieler und Stammspieler einsetzen zu müssen ist jeder Verein gefordert eine eigene, möglichst qualifizierte Nachwuchsarbeit zu betreiben und es werden übertriebene Spielerkäufe weitgehend verhindert. Dem "Fußballtourismus" wurde die Verbandsspielerregel entgegengesetzt. Dies alles sind wirksame Instrumentarien um die genannten Ziele zu erreichen. Aber auch hier darf es keinen Stillstand geben und sind diese Bestimmungen immer wieder zu hinterfragen und den tatsächlichen Umständen und Bedürfnissen anzupassen. So wurde etwa für die kommende Meisterschaft die E24- in eine U22-Regel umgewandelt."

DP: Welche gesellschaftlichen Veränderungen haben die Arbeit des Verbandes besonders beeinflusst?

HK: "Brauchten wir früher auf der Führungsebene des Verbandes die Mithilfe eines Juristen höchstens dann, wenn einmal ein Pachtvertrag aufzustellen war, so ist es heute unumgänglich eine derartige Unterstützung schon im Tagesgeschäft zu haben. Sportliche Entscheidungen wurden natürlich auch früher schon hinterfragt, aber speziell in den letzten Jahren wird oftmals versucht, Entscheidungen allein durch Beeinspruchung des Urteils wegen Formalfehlern auszuhebeln oder auch nur zu verschleppen."

DP: Inwieweit unterscheiden sich die Landesverbände in den neun Bundesländern?

HK: "Das Grundgerüst wird vom ÖFB vorgegeben, die Verbände haben darüber hinaus jedoch einen großen Spielraum, um individuelle Gestaltungen vorzunehmen. Dies betrifft sowohl den sportlichen als auch den wirtschaftlichen Bereich. Ergänzende Bestimmungen zur Meisterschaft werden von jedem Verband nach eigenen Bedürfnissen erlassen. Ebenso hat jeder Verband seine eigene Strategie, seine Vereine auch finanziell in Form von Förderungen zu unterstützen. Lediglich in der Trainer- und Talentausbildung ist ein verpflichtender Standard vom ÖFB vorgegeben. Dies ist auch überaus sinnvoll, denn nur so ist ein bundesweites hohes Ausbildungsniveau gewährleistet."

DP: Wie darf man sich die Interaktion mit dem ÖFB vorstellen?

HK: "Das Führungsgremium des ÖFB setzt sich aus dem ÖFB-Präsidenten, den Präsidenten der neun Landesverbände und drei Vertretern der Bundesliga zusammen. Somit sind die Landesverbände auch direkt in die Entscheidungsfindungen eingebunden. Auf organisatorischer Ebene findet zwei Mal jährlich ein zweitägiges Treffen der ÖFB-Geschäftsführung mit den Geschäftsführern der Landesverbände und der Bundesliga statt. Hier werden alle wichtigen überregionalen Themen angeschnitten und entsprechende Lösungen erarbeitet. Darüber hinaus kennt man sich natürlich persönlich sehr gut und steht laufend in Kontakt untereinander."

DP: Wie wird sich das Fußballwesen in den nächsten Jahren verändern - und inwieweit beeinflusst das die Arbeit des Verbandes?

HK: "Die Jahre der Geburtenrückgänge sind vorüber, dies ist schon mal ein gutes Vorzeichen. Immer wichtiger wird es dennoch, dass es uns gelingt den Fußball weiter so attraktiv zu halten. Eine Aufgabe, die von der Basis, also den Vereinen, ausgehen muss und ein Heer von Ehrenamtlichen erfordert. Hier ist vor allem die Politik gefordert, den Ehrenamtlichen die Arbeit nicht noch weiter durch bürokratische Hindernisse und Auflagen zu erschweren. Bei Kindern und Jugendlichen den Spaß und die Freude am Fußballspielen zu erzeugen ist nicht das Problem, das gelingt uns gemeinsam mit den Vereinen mit Sicherheit auch weiterhin. Menschen zu finden, die sich ehrenamtlich für den Sport engagieren, dazu müssen Rahmenbedingungen durch die Politik geschaffen werden, die den Ehrenamtlichen ein Agieren für den Sport auch entsprechend problemlos ermöglichen. Die nächste unmittelbare Herausforderung haben wir schon in Angriff genommen. Die Situation mit starken Flüchtlingsbewegungen aus verschiedenen Krisenregionen stellt auch in Oberösterreich eine große Herausforderung dar. Bei der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund hat der organisierte Sport eine besonders wichtige Rolle eingenommen. Fußball bringt Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und Flüchtlinge zusammen und hilft so bei der Integration. Auch wenn schon ein Anfang gemacht ist, wird uns speziell dieses Thema in nächster Zeit noch sehr beschäftigen."