Das Kreuz mit dem Kreuzband

Das Kreuz mit dem Kreuzband

Ein Riss des vorderen Kreuzbandes zählt zu den häufigen Verletzungen im Fußballerleben. Mit Dr. Ernst Foltin gibt ein erfahrener Unfallchirurg Einblicke in Anatomie, Heilungsverlauf und Risiken.

Jeder kann am eigenen Knie beobachten: Bei Streckung ist der Unterschenkel fest mit dem Oberschenkel verbunden, bei Beugung kann der Unterschenkel gegenüber dem Oberschenkel gedreht werden. Und dabei bleibt das Knie trotzdem immer stabil. Zahlreiche Strukturen müssen da zusammenspielen. Am bekanntesten sind wohl das vordere Kreuzband und die Menisken. Die Kreuzbänder heißen so, weil sich das vordere und das hintere Kreuzband im Gelenk überkreuzen. Gemeinsam mit den besonders geformten Gelenkkörpern und den Menisken geben sie dem Gelenk in jeder Stellung die Führung. Wenn das vordere Kreuzband reißt, dann kommt es zu einer unnatürlichen Verschiebbarkeit des Unterschenkels nach vorne. Aus bestimmten Gründen kann ein vollständig durchgerissenes vorderes Kreuzband nicht heilen. Andere Bänder und Muskeln können die Funktion übernehmen, aber eben nur teilweise. So kommt es bei bestimmten Bewegungen zu einem schmerzhaften Schnappen und zu einer abnormen Belastung des Gelenkknorpels und der Menisken. Wenn das vordere Kreuzband nicht funktioniert, hält das Gelenk eines Fußballers diese Mehrbelastungen auf Dauer nicht aus. Es kommt zur Arthrose, der vorzeitigen Abnützung des Gelenks, mit Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Darüber hinaus steigt das Risiko für weitere Verletzungen, zum Beispiel tritt ein Meniskusriss häufiger auf, wenn das vordere Kreuzband nicht vorhanden oder locker ist. Es kann daher sinnvoll sein, ein gerissenes vorderes Kreuzband mittels einer Operation zu ersetzen.

Was tun, wenn es passiert ist?
Wegen der Folgen ist es zweckmäßig, jede Knieverletzung sorgfältig abzuklären, auch wenn zum Glück viele Verletzungen mit Ruhe, Kühlung und Bandagieren problemlos ausheilen. Eine Magnetresonanztomographie sollte erst gemacht werden, wenn nach genauer Untersuchung die Fragestellung feststeht. Das Für und Wider einer Operation, die Operationsmethode, der richtige Zeitpunkt, die Übungsbehandlung oder der Wiedereinstieg in den Sport sind Fragen, die der Verletzte mit seinem Arzt besprechen muss. Da kommt es darauf an, dass der Patient und der Arzt sich gut verständigen können. Der ideale Arzt hat große Kenntnisse, hat auch die Fähigkeit, diese zu erklären, operiert sorgfältig und betreut seinen Patienten bis zum Abschluss der Rehabilitation. Der ideale Patient versteht seine Verletzung, trägt die Behandlungsentscheidung mit, strengt sich bei der Nachbehandlung an und beginnt nicht zu früh mit Belastungen, die sein Knie noch nicht verträgt. Auch eine konservative Behandlung - also eine Behandlung ohne Operation - kann unter Umständen empfehlenswert sein. Die Voraussetzungen dafür sind eine gut funktionierende Muskulatur und eine Verminderung des sportlichen Anspruchs. Das heißt, dass eine Rehabilitation auch dann wichtig ist, wenn nicht operiert wird. Das bedeutet aber auch einen Verzicht auf wettkampfmäßiges Fußballspielen und eine Umstellung auf Sportarten, die weniger belastend für die Knie sind.

Comeback nach OP
(Wann) kann ich nach der Kreuzbandoperation wieder Fußball spielen?Wenn die Funktionsfähigkeit völlig wiederhergestellt ist, nicht vorher! Es muss im Einzelfall entschieden werden, wann welche Belastung wieder möglich ist. Zwei Fehler sind denkbar: zu nachlässig üben, zu intensiv üben. Wenn das Knie schmerzt oder anschwillt, dann sind oft zu heftige Übungen oder zu frühzeitige Belastungen die Ursache.Rehabilitation nach einer Ersatzoperation des vorderen Kreuzbandes bis zur Wiederaufnahme des Sports braucht Zeit und Geduld! Neun Monate sind ein realistischer Durchschnitt, das heißt, es gibt Abweichungen nach oben und unten. Mit einem kostspieligen und aufwändigen Rehabilitationsprogramm kann die volle Leistungsfähigkeit früher erreicht werden, was aber meistens nur für hochbezahlte Spitzensportler möglich ist. Das bezieht sich auf das Auftrainieren von Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Geschicklichkeit. Die Heilungsvorgänge selbst verlaufen bei einem Sportler nicht schneller als bei einem Nichtsportler.Die 100%-ige Wiederherstellung ist nicht immer möglich. Nach schweren Verletzungen geht es oft nur noch darum, den Alltag bewältigen zu können. Die angestrebten Ziele sind dann vielleicht Treppensteigen oder Gehen.

 

Kann Verletzungsrisiko minimiert werden?
Die Kreuzbänder werden von den Muskeln und ihren Sehnen unterstützt. Bei drohender Überlastung werden zum Schutz des Bandes die entsprechenden Muskeln angespannt. Solche Schutzreflexe sind eine unwillkürliche Reaktion, können aber durch Üben der Geschicklichkeit trainiert werden. Leider hat ein ersetztes vorderes Kreuzband keine Fähigkeit mehr, die eigene Spannung wahrzunehmen. Der schützende Reflex muss daher von anderen Strukturen vermittelt werden. Das ist einer der Gründe, warum ein Knie mit einem operierten vorderen Kreuzband einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt ist und es trotz funktionierendem Bandersatz zu einer vorzeitigen Gelenksabnützung kommt. Ein operiertes Knie verlangt Rücksicht. Wer müde ist, hat schlechtere Reflexe. Das schützende Anspannen der Muskulatur erfolgt dann eben zu spät. Das Verletzungsrisiko erhöht sich daher auch beim Gesunden ohne Vorverletzung durch schlechte Kondition, zu wenig Schlaf, Alkoholwirkung, zu rasche Wiederaufnahme des Sports nach Pause. Das gilt erst recht für jemanden, der eine Verletzung hinter sich hat. Zu schwache Muskeln können sich zum Schutz der Bänder nicht genügend anspannen. Ein Muskelaufbautraining ist sowohl für das Fußballspiel selbst wichtig, umso mehr aber nach einer Verletzung, wo das verletzte Band ohnehin vermehrt auf die Muskeln angewiesen ist und nach einer Sportpause die Kraft von vorneherein geringer ist.

Frauen stehen - bei gleichartiger sportlicher Belastung - unter höherem Risiko als Männer, sich einen Riss des vorderen Kreuzbandes zuzuziehen, und sollten sich darauf einstellen. Das Risiko erhöht sich auch mit fortschreitendem Alter, was Anpassungen in der Sportausübung nahelegt.

Und schließlich löst jeder Sportler die Fragen zur Risikobereitschaft auf seine Weise: Entspricht der körperliche Zustand dem sportlichen Ehrgeiz?  Ab wann ist Einsatz und Risikofreude nur Draufgängertum? Ab wann verhindert Vorsicht die Freude an der Bewegung und am Wettkampf? Regelmäßiger Sport oder andere körperliche Beanspruchung sind nachweislich gesundheitsfördernd und lebensverlängernd, bringen aber auch ein Verletzungsrisiko mit sich. Und dieses sollte so gering wie möglich sein, damit man möglichst lange Sport treiben kann.

 

Fotos: Nikki Zalewski - Fotolia; creative soul - Fotolia