Der Mensch zählt . . .

Der Mensch zählt . . .

„Du bist willkommen!“ Dieses Motto steht in Europas Vorzeige-Talenteschmiede in Bezug auf Interkulturalität im Vordergrund, wie mit Bernhard Seonbuchner der Nachwuchsleiter der Salzburger Red Bull Akademie den Teilnehmern bei der Vereinscoaching-Tagung eindrucksvoll geschildert hat . . .

 

Daumen hoch. Was hierzulande für gewöhnlich als Lob verstanden wird, hat anderswo eine völlig andere Bedeutung. In Japan haben Sie mit dieser Geste etwa fünf Bier bestellt. Der Grieche wiederum drückt mit der flachen Hand keinen Gruß aus, sondern seine Ablehnung. Zwei einfache Beispiele, die die Unterschiede diverser Kulturen verdeutlichen. Sich damit intensiv zu beschäftigen, gehört längst zu den wichtigsten Aufgaben jedes Fußballtrainers. So auch in der Akademie von RB Salzburg: Alleine in der U18 bringen in diesem Jahr Spieler aus neun verschiedenen Ländern sowie Testspieler aus Mali, Ghana, Brasilien und Kolumbien ihre Qualitäten als Fußballer, aber vor allem als Mensch ein. Für Akademie-Nachwuchsleiter Bernhard Seonbuchner ist diese Multikulturalität, von der letztlich alle profitieren, eine der spannendsten und gewinnbringendsten Herausforderungen, wie er im Rahmen der Vereinscoaching-Tagung in Sipbachzell schilderte. „Für mich ist es ein Geschenk, jeden Tag von diesen Jungs lernen zu dürfen.“

Die Gefahr der Bewertung
Neben der sportlichen Ausbildung gilt deshalb in der RB-Akademie vor allem ein Credo: „In erster Linie geht es darum, sich um den Menschen zu kümmern. Unser Grundsatz ist: Du bist in Ordnung, du bist willkommen“, erklärte Seonbuchner. „Fußball spielen können sie alle“, weiß der 36-Jährige. Um dieses Potenzial aber auch abrufen zu können, gelte es, sich intensiv mit der Persönlichkeit jedes Einzelnen zu beschäftigen und diese ausleben zu lassen. Seonbuchner: „Man muss ständig beobachten und dazulernen. Dazu muss man Fragen stellen.“ Auch, um mögliche Ablenkungsgründe zu eruieren. „Wir hatten einmal einen Testspieler, dessen Mutter gestorben ist. Er hat aber nichts erzählt. Der Trainer fordert dann im Spiel etwas. Wenn man da nicht nachfragt, verliert man ihn.“ Ähnlich verhält es sich mit weniger dramatischen, alltäglichen Erscheinungen, etwa in Sachen Pünktlichkeit oder Grußverhalten. In Ghana wird beim Händeschütteln nicht in die Augen, sondern auf den Boden geschaut – aus Respekt. Die Uhrzeit spielt dagegen keine Rolle: „Dort geht es los, wenn alle da sind.“ Werden Hintergründe und Motive außen vor gelassen, kann eine Mannschaft daran zerbrechen. „Ein junger Mensch macht nichts mit Absicht falsch. Die Gefahr ist, dass wir die Dinge sofort bewerten.“

Essgewohnheiten und Religion
Gleichfalls ein Thema: Religion und Essgewohnheiten. Das reicht vom Ramadan bis hin zu anderen persönlichen Bedürfnissen. „Man muss unterscheiden: Was ist wissenschaftlich und was braucht der Mensch? Bei Sadio Mane etwa hat der Ernährungsberater nicht funktioniert“, erzählte Seonbuchner. Jedem Spieler Zuneigung und Wertschätzung entgegenzubringen, ist für einen Trainer essenziell. „Wenn man ein erfolgreiches Team basteln will, sollte sich jeder wiederfinden können und man muss der Individualität einen Rahmen verleihen.“ Taktik und Umsetzung am Fußballplatz seien in der Formel der RB-Akademie dagegen erst der letzte Punkt, betonte Seonbuchner.  Zumal trotz der vergleichsweise hohen Anzahl an Jung-Kickern, die in Salzburg den Weg zum Profi schaffen, auch dort die Drop-Out-Quote nicht außer Acht gelassen werden darf: „Nicht jeder wird einmal im Stadion spielen. Das ist der Hauptgrund, warum wir uns mit dem Menschen beschäftigen sollten.“ Daumen hoch dafür. Und diesmal ist tatsächlich die hiesige Bedeutung gemeint.  

 

Fotos: fotolia, Lui