Die Kunst des Führens

Die Kunst des Führens

Die Führung von Teams ist für Trainer und Funktionäre im wahrsten Sinn des Wortes eine Kunst. Umso passender, dass mit Florian Schönwiese ein Musiker am Beispiel eines Orchesters Ansätze für die „Alphatiere“ ableitet.

 

Wer kennt sie nicht, die Bilder von Star-Trainern wie Pep Guardiola oder Jürgen Klopp, wenn sie teils wild gestikulierend an der Seitenlinie stehen und ihre Spieler coachen, versuchen, taktische Anweisungen mit auf den Weg zu geben. In dieser Hinsicht gleicht die Aufgabe eines Trainers durchaus jener des Dirigenten eines großen Orchesters, der ebenfalls den Herausforderungen einer authentischen Führungskraft, die ihre Mannschaft begeistern muss, gerecht werden sollte. Das stellte Leadership-Experte und Orchestermusiker Florian Schönwiese in seinem Vortrag bei der Vereinscoaching-Tagung des OÖFV in Sipbachzell dar. „Wenn du ein Schiff bauen willst, lehre den Männern die Sehnsucht nach dem weiten Meer“ – mit diesem berühmten Zitat des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupery brachte Schönwiese die entscheidende Thematik auf den Punkt.

Ideen und Visionen gefragt
Jede Führungskraft agiert zugleich als Motivator, der eine Vision und einen klaren Plan braucht, von dem auch seine Mitarbeiter überzeugt sein müssen. „Führung und Motivation ist das Gleiche“, sagte Schönwiese. Trainer, dessen Spielidee und Arbeit die Mannschaft anzweifelt, oder Dirigenten, die ihre Musiker nicht hinter sich haben, werden letztlich scheitern. „Einen guten Dirigenten zeichnet aus, dass er ein Konzept hat“, betonte der Musiker. Dieses müsse er auf ehrliche Weise vermitteln und sein Orchester mitnehmen. „Es wird nicht mehr akzeptiert, wenn jemand nur versucht, sich selbst zu produzieren. Dann heißt es schnell von den anderen: Wir machen die Musik oder wir schießen die Tore.“ Neben Empathie und Einfühlungsvermögen seinem Team gegenüber muss sich der Dirigent auch eingehend mit den einzelnen Musikstücken, deren Inhalt und tieferen Sinn beschäftigen. Der verstorbene Star-Dirigent Nikolaus Harnoncourt forschte etwa zwei Jahre an einem Beethoven-Stück, ehe er es zu dirigieren wagte. Das Werk muss als Ganzes und voller Überzeugung wiedergegeben werden, die Geschichte dahinter erzählt werden. „Es braucht jemanden, der sich intensiv mit dem Stück beschäftigt. Wenn man meint, man könne einfach nur spielen, schläft das Publikum ein“, weiß Schönwiese.

Kein Role Model
Wie die Führungskraft ihre Ideen und Visionen kommuniziert und versucht, ihre Truppe mitzureißen, dafür gebe es kein Role Model, so Schönwiese, denn: „Jeder ist anders.“ Harnoncourt versuchte beispielsweise, Bilder in den Köpfen zu erzeugen. Da folgten bei Proben Ansagen wie: „Stellt euch vor, ein Dinosaurier beißt in einen Apfel.“ Dieses Streben nach Perfektion zeichnet sämtliche Führungskräfte in den unterschiedlichsten Bereichen aus: „Auch wenn man das Stück noch so oft gespielt hat, braucht es jemanden, der die Qualität in dem Moment herausholt.“ Schönwiese sieht vor allem drei Ebenen als essenziell: „Die Qualität erkennen, wissen, was man will und Geduld und Vertrauen haben.“ Dabei darf nie vergessen werden, dass hinter Musikern, Sportlern oder Mitarbeitern keine Nummern stehen, sondern Persönlichkeiten. „Die Expertise ist Voraussetzung, aber das Thema ist immer der Mensch dahinter.“ Dafür brauche es Zusammenarbeit auf Augenhöhe. „Ein guter Musiker kann nur einer sein, der seine Persönlichkeit ausleben kann.“ Dementsprechend benötigt jedes Individuum im Team bei allen erforderlichen Vorgaben auch gewisse Freiräume. Für Schönwiese gilt die Formel: Vorgaben plus Kreativität ergibt Innovation.

 

Fotos: Lui, fotolia