Die Tücken eines Meniskusrisses

Die Tücken eines Meniskusrisses

Knieverletzungen betreffen häufig die Menisken. Über ihre Funktion, anatomische Merkmale sowie Behandlungsmethoden nach einer Meniskusverletzung informiert mit Dr. Ernst Foltin ein erfahrener Unfallchirurg.

 

Im Kniegelenk liegt innen- und außenseitig je ein Knorpelring. Es sind keine vollständigen Ringe, sondern innen ein C und außen ein unvollständiges O. Die alten Griechen nannten einen solchen Halb- oder Dreiviertelring " Mondsichelchen" - eben Meniskus. Die Menisken sorgen für Verteilung des Druckes zwischen den Gelenkkörpern, die nicht aufeinanderpassen. Die fehlende Passform ist kein Fehler der Natur, sie ermöglicht vielmehr das Ineinandergreifen der Beugung und Drehung des Unterschenkels gegenüber dem Oberschenkel. Ein ruckartiges Drehen des Unterschenkels unter gleichzeitiger Belastung in Längsrichtung des Beines oder eine rasche tiefe Hocke kann bewirken, dass einer der beiden Menisken reißt. Am häufigsten reißt der Innenmeniskus, und zwar in seinem hinteren Anteil, dem Hinterhorn. Charakteristischer Unfallhergang ist das Aufkommen nach einem Sprung - die Meniskusverletzungen finden oft ohne Einwirkung eines Mit- oder Gegenspielers statt. Ein Meniskusriss kann natürlich auch bei anderen Tätigkeiten als dem Fußballspielen passieren: Tennis, Schifahren, Tanzen, auf einer Baustelle.

 

Überlastung schadet

Wenn eine entsprechende Kraft einwirkt, hängt das Risiko für einen Riss des Meniskus von seiner Festigkeit ab. Überlastungen über längere Zeit bewirken eine Degeneration des Meniskus, das heißt, dass sich seine innere Struktur verändert und dass er daher verletzlicher wird. Umgangssprachlich nennt man es vorzeitige "Abnützung". Die schwungvolle tiefe Hocke zum Beispiel ist als regelmäßig durchgeführte gymnastische Übung nicht zu empfehlen, weil dabei das Innenmeniskushinterhorn zu sehr unter Druck gerät. Ein anderer Grund für eine langfristige Überlastung des Meniskus ist gegeben, wenn das vordere Kreuzband nicht vorhanden oder locker ist. Dass bestimmte Arbeiten - aber auch Übergewicht - die Knie ständig überfordern, leuchtet unmittelbar ein. Mit fortschreitendem Alter kommt es auch ohne Überlastung zu einer langsamen Degeneration der Gelenksknorpel und der Menisken.

 

Wie erfolgt die Diagnose?

Ein gequetschter oder gezerrter Meniskus macht Schmerzen, diese verschwinden aber unter Schonung von alleine. Bestimmte Formen kleiner Meniskusrisse können heilen oder bedürfen wenigstens keiner Operation. Hängt aber nach dem Unfall ein Teil des Meniskus ins Gelenk hinein, kann dieser Teil nicht mehr anheilen. Bildlich gesprochen: das C ist zu einem € geworden. Das ist aber nur eine von verschiedenen instabilen Rissformen. Ein Gesichtspunkt ist noch, dass der innere freie Rand eines Meniskus nicht durchblutet ist und daher von vorneherein schlecht oder gar nicht heilen kann.

Der eingerissene Teil des Meniskus reibt im Gelenk und das Gelenk schwillt an. Zusätzlich zu den Schmerzen kann es sogar zur Blockade, der Unfähigkeit das Knie vollständig zu strecken, kommen. Bei der ärztlichen Untersuchung ist ein Meniskusriss oft gut zu erkennen, manchmal kann aber nur ein Verdacht ausgesprochen werden. Das hängt von der Rissform ab. Die Magnetresonanztomographie kann die bei der Untersuchung offen gebliebenen Fragen meistens beantworten. Die letzte Klarheit über die Verletzung erbringt gelegentlich erst die Arthroskopie. Nach einer Meniskusverletzung gehen die anfangs bestehenden Schmerzen zurück, wenn auch Beschwerdefreiheit selten ist. Jedenfalls schädigt ein instabiles Meniskusstück den Gelenkknorpel ständig weiter. Trotz Beschwerdebesserung bewirkt daher weiteres Zuwarten weiteren Schaden.

 

OP mittels Arthroskopie

Über lange Jahre war die Therapie der Wahl die operative Entfernung des funktionslos gewordenen und Schaden verursachenden Meniskusteils. Seit 20 bis 30 Jahren wird diese Operation mittels Arthroskopie durchgeführt. Diese " Schlüssellochchirurgie" kommt mit zwei bis drei Hautschnitten von knapp 1 cm Länge aus. Die Voraussetzung für die Einführung der Arthroskopie war die Entwicklung von speziellen optischen Systemen, Videokameras und Instrumenten. Der Ausdruck " Gelenkspiegelung" für "Arthroskopie" ist zwar schön deutsch, aber einfach nicht zutreffend, weil Spiegel bei der Arthroskopie nur ausnahmsweise Verwendung finden. Im Rahmen einer Operation sind die Beschwerden wirkungsvoll zu beheben und weitere Schäden durch den weghängenden und im Gelenk reibenden Teil des Meniskus sind zu verhüten. Etwa vier Wochen nach der Operation haben sich die Reizerscheinungen im Gelenk so weit beruhigt, dass wieder volle, auch sportliche, Belastung möglich ist.

 

Stoßdämpfung beeinträchtigt

Im Laufe der Jahre wirkt sich allerdings das Fehlen eines Meniskusstücks schließlich doch aus: Die Stoßdämpfung zwischen den Gelenkkörpern ist beeinträchtigt, der Druck auf den Gelenkknorpel ist erhöht. Abhängig von der Beanspruchung und der Größe des Restmeniskus kann es zur vorzeitigen "Abnützung" des Gelenkknorpels, zur Arthrose, kommen. Der Zustand nach der Teilentfernung eines Meniskus wird in den ersten Jahren wie eine Heilung erlebt, kann sich aber nach Jahrzehnten als Ursache für die langsame Zerstörung des Gelenks erweisen. Übrigens ist ein neuerlicher Riss, der den Meniskusrest betrifft, gar nicht selten. Warum denn nicht nach dem Unfall gleich den ganzen Meniskus entfernen? Wenn der Meniskus nicht mehr da ist, kann er auch nicht mehr reißen. Wenn aber der ganze Meniskus fehlt, anstatt nur ein Teil, wird in weiterer Folge der Gelenkknorpel noch mehr überlastet und "abgenützt". Deshalb wird anstatt dieser radikalen Methode heute nur so wenig wie möglich vom Meniskus entfernt, auch auf die Gefahr hin, dass der Restmeniskus wieder Probleme macht.

 

Neue Behandlungsansätze

Eine jüngere Entwicklung ist die Wiederherstellung des Meniskus. Bestimmte - aber lange nicht alle - Rissformen sind für eine Naht geeignet. Vor der Zustimmung zur Operation muss sich der Patient jedoch - angeleitet von seinem Arzt - klar machen, dass er während der Nachbehandlungszeit von sechs Monaten auf das Fußballspiel zu verzichten hat.

 

Soweit die heute übliche Versorgung. Aber die Zukunft hat schon begonnen - spezialisierte Abteilungen beschäftigen sich mit den Fragen: Kann man ein fehlendes Meniskusstück ersetzen? Kann man den geschädigten Knorpel wiederherstellen? Hier gibt es schon Erfolge, oder wenigstens Teilerfolge. Wir sind schon gespannt darauf, wie die Routineversorgung in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird.