Erkenntnisse zum ehrenamtlichen Engagement

Erkenntnisse zum ehrenamtlichen Engagement

Warum engagieren sich Menschen ehrenamtlich in Fußballvereinen? Welche Faktoren fördern beziehungsweise konterkarieren eine langfristige und nachhaltige Bindung der Ehrenamtlichen an ihren Fußballverein? Diesen Fragen ist mit Günther Lang der Vereinscoaching-Projektkoordinator des OÖ FUSSBALLVERBANDES im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit nachgegangen und hat dazu auch eine Erhebung unter den ehrenamtlichen Funktionären und Trainern der OÖFV-Mitgliedsvereine durchgeführt.

Ohne die zahlreichen ehrenamtlichen Funktionäre, Trainer und Helfer in den über 2.200 österreichischen Fußballvereinen, die in ihrer Freizeit unzählige Stunden meist ohne finanzielle Entschädigung aufbringen und somit das Fundament für den organisierten Fußball bilden, würde der Amateurfußball so wie wir ihn kennen und lieben nicht existieren. Im Zuge der Bachelorarbeit wurden unter anderem die zu Beginn angeführten Fragestellungen mittels einer quantitativen Datenerhebung untersucht, um ein besseres Verständnis und mögliche Hilfestellungen für Herausforderungen im Personalbereich von Amateurfußballvereinen zu generieren. Die wichtigsten Erkenntnisse wurden in folgender Zusammenfassung festgehalten . . .

 

Motive & Bindung ehrenamtlicher Vereinsmitarbeiter
Wissenschafter legen die Notwendigkeit nahe, sich mit den Motiven für ehrenamtliches Engagement auseinanderzusetzen, um eine nachhaltige Bindung von Vereinsmitarbeitern positiv beeinflussen zu können. Decken sich die Beweggründe für das Engagement im Fußballverein mit dem wahrgenommenen Nutzen aus dieser Tätigkeit, werden die Bedürfnisse der Funktionäre, Trainer und Helfer eher befriedigt und demzufolge die Zufriedenheit mit der Vereinstätigkeit gefördert. Damit geht eine höhere Einsatz- und Leistungsbereitschaft der Vereinsmitarbeiter für zukünftige Aufgaben einher, zudem kann dadurch eine möglichst langfristige Bindung der Engagierten an den Klub positiv beeinflusst werden.  

Menschen können sich aus unterschiedlichen Beweggründen bei einem Verein aktiv einbringen und häufig sind dafür mehrere Motive simultan ausschlaggebend. Wissenschafter sprechen in diesem Zusammenhang von einem funktionalen Ansatz. Das bedeutet, dass Menschen dieselbe Handlung aufgrund unterschiedlicher psychologischer Funktionen ausführen können. Der Vater einer Nachwuchsspielerin engagiert sich beispielsweise als Nachwuchstrainer A in jener Mannschaft, in der seine Tochter aktiv ist, weil er darin die Möglichkeit sieht neue Menschen kennenzulernen und zugleich mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen kann. Eine zweite Person ist als Nachwuchstrainer B ehrenamtlich tätig, um erste Erfahrungen für eine geplante Karriere als Fußballtrainer zu sammeln. Ein weiterer Trainer C hilft mit, weil ein Großteil seines Freundeskreises im Verein tätig ist und er dadurch Freundschaften und soziale Kontakte pflegen kann. Wie bereits erwähnt, können in der Praxis häufig mehrerer dieser Motive gleichzeitig für die aktive Mitarbeit im Verein ausschlaggebend sein.

Dieses Beispiel soll jedoch einfach und praxisgerecht veranschaulichen, wie unterschiedlich die Motivationen für ein und dieselbe Vereinstätigkeit sein können. Davon lassen sich unterschiedliche Maßnahmen und Anreize, die seitens des Vereins für die Befriedigung dieser Motive bereitgestellt werden können, ableiten – vorausgesetzt die Vereinsverantwortlichen kennen diese individuellen Beweggründe. Konkrete Beispiele zur Motiverfüllung in Bezug auf das zuvor angeführte Praxisbeispiel sind beispielsweise die Ermöglichung und Kostenübernahme von Trainerausbildungen vom Verein (Trainer B) oder gemeinsame Aktivitäten und Feste (Trainer A und C). Die zentrale Fragestellung, die sich interessierte Vereinsverantwortliche in diesem Zusammenhang stellen können, lautet: Warum engagieren sich Funktionäre, Trainer und Helfer ehrenamtlich bei unserem Verein? In persönlichen Gesprächen oder auch in Form von vereinsinternen Umfragen können diesbezüglich hilfreiche Informationen gesammelt und in weiterer Folge für eine individuelle Motiverfüllung herangezogen werden.

Beschäftigt man sich näher mit der Bindung von Vereinsmitarbeitern, findet man in Literaturbeiträgen häufig den Begriff “Organizational Commitment”. In Bezug auf ehrenamtliches Engagement wird dieser Terminus unter anderem als Grad der Identifikation mit dem Verein beziehungsweise als Einstellung einer Person gegenüber einer Organisation, die mit der Bereitschaft verbunden ist dieser Organisation meist ohne finanzielle Entschädigung viel Zeit und Mühe zu widmen, beschrieben. Dabei wird im Kontext Ehrenamt unter anderem die Identifikation mit Vereinszielen und -werten (Normatives Commitment) von der emotionalen Identifikation mit dem Verein durch zwischenmenschliche Beziehungen (Affektives Commitment) differenziert.         
Vereinsführungsgremien können durch die Ausarbeitung von gemeinsamen Vereinszielen und -werten in Verbindung mit einer gezielten Kommunikation, sowohl vereinsintern als auch nach außen, die Identifikation der bestehenden Mitglieder und ehrenamtlichen Helfer mit dem Verein fördern (normatives Commitment zum Verein). Zudem werden dadurch bei der Akquise von neuen potentiellen Vereinsmitgliedern und Helfern vermehrt jene Personen angesprochen, die sich mit den Zielen und Werten des Klubs identifizieren.  

Die emotionale Komponente (affektives Commitment zum Verein) ist für die Bindung von Personen an den Verein mindestens genauso wichtig. Diese kann von Vereinsvorständen unter anderem durch Wertschätzung und Anerkennung der Ehrenamtlichen oder gemeinsame Vereinsaktivitäten, die zwischenmenschliche Beziehungen und Freundschaften stärken, positiv beeinflusst werden. Folgendes Beispiel soll den Unterschied zwischen den beiden Identifikationsebenen – normatives und affektives Commitment – praxisgerecht veranschaulichen: Ein ehrenamtlicher Helfer kann sich beispielsweise mit den Werten und Zielen seines Vereins zu einem sehr hohen Ausmaß identifizieren, jedoch mangelt es aufgrund von fehlender Anerkennung oder zwischenmenschlicher Beziehungen im Verein an emotionaler Bindung an den Klub. Ist das der Fall, gehen Wissenschafter davon aus, dass sich diese Person möglicherweise eher für die Beendigung beziehungsweise einen Wechsel in einen anderen Verein, welcher ähnliche Werte und Ziele vertritt, entscheiden kann.

 

Auszug quantitative Datenerhebung
Beschreibung der Stichprobe       
Für die Auswertung dieser Studie konnten im Oktober und November 2020 413 vollständig ausgefüllte Onlinefragebögen von ehrenamtlichen Funktionären, Trainern und Helfern (32 Frauen und 381 Männer) verteilt aus allen Amateurfußballleistungsstufen und Bezirken Oberösterreichs gesammelt werden. Obmänner und Sektionsleiter (30 %) sind in der Stichprobe am stärksten vertreten, gefolgt von Nachwuchstrainern (22 %), Kassieren und Schriftführern (18 %) und Sportlichen Leitern (10 %). 96 % aller Umfrageteilnehmer hatten zum Befragungszeitpunkt mindestens eine offizielle Funktion in ihrem Fußballverein inne. 40 % decken mehr als eine Funktion in ihren Klubs ab. Um mögliche Unterschiede zwischen Funktionären und Trainern zu untersuchen, wurde die Stichprobe zusätzlich in eine Führungs- und Verwaltungsebene (Funktionäre) und in eine sportliche Leistungserstellungsebene (Trainer im Nachwuchs- und Erwachsenenbereich) unterteilt.

Zeitlicher Aufwand  
74 % aller Umfrageteilnehmer bringen durchschnittlich mindestens 6 Stunden pro Woche für ihren Fußballverein auf (Detail: 7 %: bis ca. 2 Std./W.; 20 %: 3-5 Std./W.; 37 %: 6-10 Std./W.; 19 %: 11-15 Std./W.; 17 %: mehr als 15 Std./W.).         
Von den Funktionären bringen 71 % und von den Trainern 89 % mindestens 6 Stunden pro Woche für ihren Verein auf.

Materielle Anreize   
Über 80 % aller Studienteilnehmer bekommen keine finanzielle Aufwandsentschädigung für ihre Tätigkeit. Differenziert beleuchtet sind es bei den Funktionären lediglich 7 %, die finanzielle Entschädigungen erhalten. Bei den Trainern hingegen wird beinahe jeder Zweite finanziell entschädigt. Eine finanzielle Unterstützung für Weiterbildungen bekommen 52 % aller Befragten. Während bei den Funktionären lediglich 42 % bei Fortbildungskosten unterstützt werden sind es bei den Trainern mit 80 % deutlich mehr.
Vereinstextilien bekommen knapp 65 % der Stichprobe kostenlos oder zu günstigeren Konditionen zur Verfügung gestellt (61 % der Funktionäre und 73 % der Trainer).

Zufriedenheit der ehrenamtlichen Vereinsmitarbeiter  
Die Aussage „Im Allgemeinen bin ich mit der ehrenamtlichen Tätigkeit im Verein sehr zufrieden.“ bewerten 86 % aller Studienteilnehmer mit „stimme voll zu“ beziehungsweise “stimme eher zu“. Lediglich 8 % signalisieren mit der Vereinstätigkeit unzufrieden zu sein (6 % zeigen diesbezüglich weder eine positive noch eine negative Tendenz).      
Die Aussage „Ich denke regelmäßig darüber nach, die ehrenamtliche Tätigkeit in meinem Amateurfußballverein zu beenden“ bewerten 24 % mit „stimme voll zu“ beziehungsweise “stimme eher zu“.  Dementsprechend beschäftigt sich rund ein Viertel der Befragten mit regelmäßigen Gedanken die Vereinstätigkeit zu beenden. Demgegenüber stehen knapp
60 %, die nicht daran denken ihr Engagement zu beenden (16 % zeigen diesbezüglich weder eine positive noch eine negative Tendenz). Zwischen Funktionären und Trainern sind bezüglich der Zufriedenheit kaum Unterschiede auszumachen. Zudem zeigen die Auswertungen der empirischen Daten keinen signifikanten Einfluss von materiellen Anreizen auf die Arbeitszufriedenheit der Ehrenamtlichen.

Motive der ehrenamtlichen Vereinsmitarbeiter  
Mithilfe des Volunteer Functions Inventory, einem wissenschaftlich erprobten Messinstrument, das die häufigsten Motive für ehrenamtliches Engagement in sechs Motivationsfunktionen unterteilt, wurden die Motivausprägungen der Stichprobe untersucht. In Bezug auf die zu Beginn angeführte Fragestellung – Warum engagieren sich Menschen ehrenamtlich in Amateurfußballvereinen? – zeigen die Studienergebnisse, dass altruistische Motive, also jene des selbstlosen Handelns und die Motivation neue Fähigkeiten zu erlernen beziehungsweise Erfahrungen zu sammeln unter den aktiven Vereinsfunktionären, Trainern und Helfern sehr stark ausgeprägt sind. Soziale beziehungsweise zwischenmenschliche Motive sowie die Absicht das eigene Wohlbefinden und Selbstwertgefühl durch die ehrenamtliche Vereinsarbeit zu stärken, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Bindung der ehrenamtlichen Vereinsmitarbeiter         
Weiters können aus dieser Untersuchung auch positive und negative Faktoren für eine langfristige und nachhaltige Bindung von ehrenamtlichen Vereinsmitarbeitern abgeleitet werden. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Zufriedenheit der Vereinsmitarbeiter mit der ehrenamtlichen Tätigkeit. Je zufriedener eine Person mit der Vereinstätigkeit ist, desto stärker ist deren Identifikation und die Bindung mit beziehungsweise an den Fußballklub ausgeprägt. Die ausgewerteten Studiendaten zeigen zudem eine negative Korrelation zwischen dem zeitlichen Umfang, der für den Fußballverein aufgebracht wird und der Zufriedenheit der Ehrenamtlichen. Die erhobenen Daten können demzufolge so interpretiert werden, dass je mehr Zeit eine Person für den Fußballverein aufbringt, desto unzufriedener ist diese mit der Vereinstätigkeit. Diese Erkenntnis untermauert die Bedeutung einer modernen und praxistauglichen Vereinsorganisation mit verteilten Aufgaben- und Verantwortungsbereichen in Zeiten steigender rechtlicher und bürokratischer Anforderungen an die Vereinsführungsgremien.
Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass altruistische (selbstlose) Motive für die Vereinsarbeit einen positiven Einfluss auf die Bindung an den Verein haben. Soziale beziehungsweise zwischenmenschliche Beweggründe haben ebenso einen positiven Effekt auf die Bindung an den Verein. Die vorliegenden Studienergebnisse zeigen keine signifikanten Einflüsse von materiellen Anreizen seitens des Vereins, wie zum Beispiel finanzielle Aufwandsentschädigungen, Übernahme von Fortbildungskosten oder Sachleistungen, und der Identifikation mit dem Fußballklub.

 

Für Rückfragen steht Günther Lang, BSc unter lang@ooefv.at gerne zur Verfügung.

 

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