Splitter aus dem Gerichtssaal

Splitter aus dem Gerichtssaal

Schadenersatzpflicht bei schweren Fouls und die Gesichtsverhüllung eines Fans – zu diesen zwei Themen gab es juristische Erörterungen und letztlich Urteile, die Vizepräsident Richard Hargassner, Vorsitzender der OÖFV-Kommission Recht & Struktur, zusammengefasst hat.

 

Der Kläger und der Beklagte nahmen als Spieler verschiedener Mannschaften an einem Hobbyfußballturnier teil. Im Zuge einer Attacke des Beklagten während eines Spiels wurde der Kläger am rechten Fuß verletzt. Der Kläger lief dabei auf der linken Seite des Spielfeldes mit dem Ball in Richtung des gegnerischen Tores. Der Beklagte kam von der rechten Seite des Spielfeldes quer auf den Kläger zu. Als sich der Kläger bereits vor der Laufrichtung des Beklagten befand, trat der Beklagte von hinten mit dem rechten Fuß zunächst gegen den rechten und in der Folge auch gegen den linken Fuß des Klägers. Dadurch wurde der Kläger „ausgehoben“. Er stürzte, wodurch er einen verrenkten Bruch des Wadenbeins rechts und einen Syndesmoseriss des vorderseitigen rechten Sprunggelenks erlitt.

Kläger bekam Recht in allen drei Instanzen
Der Kläger begehrt 12.000 EUR Schmerzensgeld und die Feststellung der Haftung des Beklagten für Spät- und Dauerfolgen aus dem Vorfall. Er behauptete, dass es sich beim Verhalten des Beklagten  um einen Regelverstoß handle, der nicht spieltypisch und unangebracht aggressiv gewesen sei. Der Beklagte wendete dagegen ein, dass er nur den Ball spielen habe wollen. Er sei aber zu langsam gewesen und beim Zusammenstoß mit dem Kläger über dessen Bein gefallen. Ihm sei kein rechtswidriger Regelverstoß vorzuwerfen. Alle drei Instanzen gaben dem Klagebegehren statt. Der Beklagte hatte keine Möglichkeit mehr, den Ball zu erreichen, was ihm auch bewusst war. Er hätte ausreichend Zeit gehabt, den Kontakt mit dem Kläger zu vermeiden bzw. hätte er ohne Berührung hinter dem Kläger vorbeilaufen können.

Abweichung von typischem Regelverstoß
Handlungen oder Unterlassungen im Zuge sportlicher Betätigung, durch die ein anderer Teilnehmer in seiner körperlichen Sicherheit gefährdet oder am Körper verletzt wird, sind insoweit nicht rechtswidrig, als sie nicht das in der Natur der betreffenden Sportart gelegene Risiko vergrößern. Eine Haftung des Schädigers ist immer (nur) dann zu bejahen, wenn der konkrete Unfallshergang die Beurteilung rechtfertigt, dass sein Verhalten über einen bei einem Kampf um den Ball im Zuge eines Fußballspiels immer wieder vorkommenden typischen Regelverstoß hinausgeht. Eine Haftung wird in vergleichbaren Fällen im Allgemeinen nur in den Fällen verneint, in denen der Schädiger versuchte, den Ball zu spielen, nicht festgestellt werden konnte, dass dies von vornherein aussichtslos war oder eine unrichtige Einschätzung der Situation mit Rücksicht darauf vorlag, dass Chancen und Risken oft im Bruchteil einer Sekunde abgewogen werden müssen und der Entschluss zur Durchführung oder Unterlassung des Attackierens des Gegners in eben dieser Zeit gefasst werden muss. Im konkreten Fall wurde das Verhalten des Beklagten als rechtswidrig, weil nicht mehr spieltypisch, eingestuft. Der Beklagte attackierte den Kläger und trat gegen dessen Füße, obwohl ihm bewusst war, dass er den Ball nicht mehr erreichen werde, und obwohl er noch die Möglichkeit gehabt hätte, einen Kontakt mit dem Kläger zu vermeiden. Mit der vom Beklagten erstmals im Rechtsmittelverfahren aufgeworfenen Frage, ob sein Verhalten als bewusst begangenes „taktisches Foul“ anzusehen ist und als solches einen spieltypischen Regelverstoß darstellt, musste sich der Oberste Gerichtshof aus formellen Gründen nicht befassen (OGH 25. 6. 2020, 9 Ob 27/20s).

Taktisches Foul keine Ausnahme
Ein „taktisches“ Foul stellt nach dem deutschen Lexikon der sportwissenschaftlichen Begriffe eine Regelverletzung dar, die taktischen Vorteil bringt, durch niedrige Sanktionen geahndet und damit „moralisch“ toleriert wird. Dabei  handelt es sich im Normalfall um einen Verstoß gegen das Fair-Play. Taktische Fouls  sind zum Beispiel das Auflaufenlassen oder die sogenannte „Notbremse“ außerhalb des Strafraumes. Nach der Spielregel 12 der IFAB ist ein Spieler vom Schiedsrichter wegen unsportlichen Betragens zu verwarnen, wenn er ein bestimmtes Vergehen begeht, um einen aussichtsreichen Angriff zu verhindern oder zu unterbinden, es sei denn, der Schiedsrichter entscheidet auf Strafstoss für ein Vergehen, das bei dem Versuch, den Ball zu spielen, begangen wurde. Meines Erachtens kann (ausnahmsweise) auch ein „taktisches Foul“, das zu einer Verletzung des Gegners geführt hat, dann rechtswidrig sein und damit zivilrechtlich schadenersatzpflichtig machen, wenn dieses Foul in der konkreten Spielsituation auf eine Art und Weise erfolgte, die über ein im wieder vorkommendes spieltypisch begangenes „taktisches Foul“ hinausgeht und mit einer Verletzung des Gegners dadurch geradezu gerechnet werden musste.

Strafrechtliche Relevanz
Ein Schweizer Gericht (Schweizer Bundesgericht 5.3.2019, 6B  52/2019) verurteilte jüngst einen Fußballspieler wegen fahrlässiger Körperverletzung  nach schweizerischem Recht zu 40 Stunden gemeinnütziger Arbeit und erkannte zugleich die Zulässigkeit zivilrechtlicher Ansprüche des Verletzten an. Der verurteilte Fußballspieler verletzte seinen Gegenspieler durch mit einem auf der Höhe von 10 bis 15 cm über dem Boden ausgestreckten Bein begangenes „Tackling“. Dadurch hat der Verurteilte die auch dem Schutz der Mitspieler bestehenden Spielregeln derart schwerwiegend verletzt, dass nicht mehr gesagt werden kann, dass der verletzte Spieler im Hinblick auf das dem Fußballspiel innewohnende Risiko einer Körperverletzung eingewilligt hätte.

Zweiter interessanter Fall
Ein weiteres interessantes Urteil mit Fußball-Bezug hat der Verwaltungsgerichtshof erlassen (VwGH 18. 6. 2020, Ro 2020/01/0006): Ein Fußballfan verhüllte seine Gesichtszüge mit einer Sturmhaube und machte sich damit nicht erkennbar, um im Zuge einer körperlichen Auseinandersetzung mit Anhängern eines anderen Fußballclubs nicht identifiziert werden zu können. Es ist davon auszugehen, dass die Auseinandersetzung mit den Anhängern eines anderen Fußballclubs nicht bloß mit friedlichen Mitteln intendiert war, und dass es dem verhüllten Fan gerade in diesem Zusammenhang darum ging, seine Identität zu verbergen. Mit Straferkenntnis der Landespolizeidirektion Wien wurde der Fußballfan einer Übertretung von § 2 Abs. 1 des Anti-Gesichtsverhüllungsgesetzes (AGesVG) schuldig erkannt und mit einer Geldstrafe in der Höhe von € 70,-- (Ersatzfreiheitsstrafe: ein Tag und 11 Stunden) bestraft. Das Verwaltungsgericht Wien stellte hingegen das Verfahren ein.

Fans dürfen Gesicht nicht verhüllen
Der Verwaltungsgerichtshof hob diese Erkenntnis des Verwaltungsgerichts Wien jedoch wegen Rechtswidrigkeit seines Inhalts auf und hielt dazu fest: § 2 Abs. 1 AGesVG knüpft die Strafsanktion nach seinem klaren Wortlaut nur daran, dass die Gesichtszüge der beschuldigten Person durch Verhüllen oder Verbergen mittels Kleidung oder anderen Gegenständen nicht mehr erkennbar sind. Nicht entscheidend ist nach § 2 Abs. 1 AGesVG hingegen, ob und welche Gründe dem Verhüllen bzw. Verbergen der Gesichtszüge zugrunde liegen. Das Verhüllungsverbot ist nicht auf die Verhüllung bzw. das Verbergen von Gesichtszügen aus religiösen Gründen beschränkt, liegt doch auch bei einer Verhüllung des Gesichts etwa aus gesundheitlichen, beruflichen oder sportlichen Gründen von vornherein kein religiöser Hintergrund vor. Maßgeblich ist nur der Umstand, dass dadurch die Gesichtszüge der betroffenen Person nicht mehr erkennbar sind.