Vereinsstrategien für den Aufschwung

Vereinsstrategien für den Aufschwung

Fußball bleibt der beliebteste Vereins-Volkssport! Das behauptet mit Professor Peter Zellmann der Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung, der über Potenziale, Wertewandel und Anforderungen reflektiert. Seine Unterlagen zum Impulsvortrag von der Vereinscoaching-Tagung 2021 finden Sie HIER zum Download, eine Aufzeichnung seines Vortrags gibt es hier . . .

 

 

Zudem hat Professor Zellmann für die OÖFV-Mitgliedsvereine einen Essay verfasst, der sich auf Vereinsstrategien fokussiert:

 

Gleich zum Eingang einige Thesen im Sinne eines Impulses:

- Die Bedeutung und gesellschaftliche Stellung der Sportvereine werden steigen.

- Der Fußball bleibt die beliebteste Mannschaftssportart.

- Frauen werden den Fußball zunehmend sportlich und organisatorisch mitprägen.

- Der Verein muss sich ein neues soziales Image erarbeiten.

- Er sollte sich auf diesem Weg als moderner Dienstleister verstehen.

- Die Corona-Krise hat weniger verändert, als sie eine Entwicklung beschleunigt hat.

 

Ohne realistische Einschätzung kein Neubeginn
Der Vereinssport wird in Österreich seit Jahrzehnten nach Mitgliederzahlen maßlos überzeichnet dargestellt. Durch das Aufsummieren von Mehrfachmitgliedschaften und Mitziehen von Karteileichen wird immer wieder die Zahl von 3 Millionen Vereinssportlern kolportiert. Schauen wir uns die Fakten an: Mit Nachsicht aller Taxen können in Österreich 44% aller Personen als sportlich bezeichnet werden. Nimmt man eine halbwegs regelmäßige Sportausübung als Messlatte, dann sinkt der Anteil an Sportlern auf ein gutes Drittel. Das Verhältnis Vereinssport zum unorganisierten Sport ist dabei etwa 1:4, 700.000 aktiven Vereinssportlern stehen 2,6 Millionen unorganisierte Freizeitsportler gegenüber.

       

Fußball beliebteste Teamsportart
Statt von einem ‚Land der Sportler‘ zu sprechen, sollten die Verbände und Vereine darüber informieren, dass viel zu wenige Menschen tatsächlich regelmäßig aktiv und im Verein unter fachlicher Anleitung Sport betreiben. Es überrascht dann nicht mehr, dass die beliebtesten Sportarten in Österreich Freizeitsportarten außerhalb des Vereins sind: Wandern, Radfahren, Laufen, Schwimmen, Skifahren. Für Oberösterreich ergibt sich, in leicht geänderter Reihenfolge, im Wesentlichen dasselbe Bild. Fußball folgt nach den typischen Freizeitsportarten und als beliebtester Mannschaftssport in Oberösterreich an beachtlicher 10. Stelle im Ranking der Sportarten (Ö: 11. Stelle). Details der Metaanalyse sind HIER ersichtlich. Interessant auch: Der Ausstieg aus dem aktiven (Männer-)Fußball beginnt mit 30 Jahren, während der Einstieg beim Frauenfußball erst am Beginn steht, womit das Potenzial des Frauenfußballs impliziert wird.

 

Potenzial vorhanden
Wenn ich die zahlenmäßige Ausgangsbasis für den Vereinssport also als nicht so rosig und in der üblichen Jubelform interpretiert habe, dann ist das Potenzial für die Zukunft umso erfreulicher darzustellen. Realistisch betrachtet ergibt sich nämlich gerade wegen der nicht so hohen Mitgliederzahlen eine gute Steigerungsmöglichkeit. Der Ausstieg aus dem Vereinssport scheint gestoppt. Die gesellschaftliche Entwicklung spricht durchaus dafür. Vereinsfunktionäre und Vereinsmanager müssen sich als Meinungsbildner aber mehr als bisher mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und der sich daraus ergebenden, notwendigen Umstrukturierung der Vereinsorganisation auseinandersetzen. Nicht als Oberlehrerweisheit oder Patentrezept möchte ich Ihnen dafür einige Anregungen geben, als Denkanstöße, die in der jeweiligen konkreten Situation Ihres Vereines diskutiert, fertig gedacht und dann entsprechend adaptiert werden können beziehungsweise sollten!

 

Der Wertewandel
Der gesellschaftliche Wandel ist seit den 70er Jahren vom Aufholen bis dahin zu wenig beachteter Werte gekennzeichnet: Das Weibliche, das Ökologische und das Emotionale kennzeichnet das Gesellschaftliche und Private gleich wichtig und gleichwertig wie das Männliche, das Ökonomische und das Rationale. Nicht ‚entweder oder‘, sondern ‚sowohl als auch‘ ist das Kennzeichen moderner Lebensstile. Die neue Ganzheitlichkeit dominiert, ist bei den Meinungsbildnern, Führungskräften und Managern aber noch nicht so selbstverständlich umgesetzt wie im Alltag der meisten Menschen: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist den Menschen nach der Gesundheit das wichtigste Anliegen für die Lebensplanung. Arbeit und Freizeit ergänzen einander komplementär, etwa gleich wichtig, aber die Menschen leben nicht mehr, um zu arbeiten, sondern sie arbeiten (die meisten eben auch und gerne) um zu leben. Der Freizeitbereich wird auf diesem Weg zum emotional wichtigeren Lebensbereich. Das hat Auswirkungen auf das Vereinsleben.

 

Die personenbezogene Dienstleistung
Das Ende des Industriezeitalters bedeutet nicht, dass die Industrie beziehungsweise die Produktion volkswirtschaftlich an Bedeutung verlieren. Die Produktivität verlagert sich aber auf computergesteuerte Maschinen, die Digitalisierung bestimmt zunehmend das Wirtschaftsleben, aber auch den privaten Alltag. Sie ist in erster Linie eine soziale Transformation. Wir müssen sie allerdings als Werkzeug verstehen und nicht als die Zukunft ‚an sich‘. Zukunft passiert nicht, sie wird von uns gestaltet. Das neue Dienstleistungszeitalter darf nicht mit der Dienstbotentätigkeit des 20. Jahrhunderts verwechselt werden. Dafür braucht es andere, nicht unbedingt ‚höhere‘ Ausbildungen. Empathische Kompetenz wird zur wichtigsten Wertschöpfungskomponente des Dienstleistungszeitalters, die weit in Industrie, produzierendes Gewerbe und Handwerk hineinreichen wird. Outsourcen ist keine Dienstleistung. ‚High touch‘ wird unter Umständen wichtiger als ‚High tech‘.

 

Der moderne Sportverein
Der im Voranstehenden aufgezeigte Weg hat Auswirkungen auf den Sportverein. Unabhängig von seinem inhaltlichen Angebot und seiner Größe, muss er sich zum modernen Dienstleister weiterentwickeln. Die Mitglieder erwarten sich das, viele Funktionäre müssen diese Aufgabe aber für sich selbst neu einordnen. Die Gesellschaft kann nicht mehr für sie wichtige Angebote auf die Schultern ehrenamtlich tätiger Menschen abwälzen, während sie selbst sich zu immer mehr materieller Effizienz verpflichtet fühlt. Die Lösung liegt im langsamen Übergang zur Aufgabenteilung: (semi)professionelle Mitarbeiter machen die Vereinsarbeit (Management, Geschäftsführung), der Vorstand zieht sich auf Zielvorgaben und Kontrolle zurück. Sportliche Arbeit und gesellschaftliche Veranstaltungen sind gleich wichtig, die Aufgabenteilung ist konsequent zu strukturieren.

 

Kinder- und Jugendarbeit
Während man sich im Vereinsangebot für Erwachsene verstärkt um die Dienstleistungskomponente als Qualitätsmerkmal kümmern sollte, ist in der Kinder- und Jugendarbeit mehr und mehr eine moderne Pädagogikkomponente gefragt. Jene Haushalte, in denen beide Elternteile berufstätig sind, nehmen zu. Der Verein hat dort Zukunft, wo er es versteht die fachsportlichen Ziele mit allgemeinen Betreuungsangeboten zu verbinden. Für beide Bereiche sind selbstverständlich ausgebildete Fachleute einzusetzen. Auch hier wird das Ehrenamt auf Dauer nicht reichen. Die notwendige, vernünftige Aufgabenteilung ist die aktuelle, fachliche und finanzielle Herausforderung für das Vereinsmanagement. Das ist keine Frage der Größe eines Sportvereins, sondern eine Überlebensstrategie aber auch Chance für alle. Fazit: Der Neubeginn kann starten. Wann, wenn nicht jetzt?

 

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