Wölfe in fremdem Revier

Wölfe in fremdem Revier

Der Trainerstab des VfL Wolfsburg ist mit Oliver Glasner, Michael Angerschmid und Thomas Sageder rot-weiß-rot geprägt. Zum Start ihrer zweiten Saison in Deutschland, die mit Siegen im DFB-Pokal und der Quali in der UEFA Europa League sowie einem Remis zum Bundesliga-Auftakt begann, wurde das Trio zur Bestandsaufnahme gebeten.

 

Jahrelang haben sie in Österreichs Fußballszene für Schlagzeilen gesorgt und ihre Spuren hinterlassen. Seit Sommer 2019 gehen Oliver Glasner und seine Co-Trainer Michael Angerschmid und Thomas Sageder jedoch in einem fremden Revier als „Wölfe“ auf Punktejagd. Gemeinsam mit dem Salzburger Athletiktrainer Michael Berktold steckt das OÖ-Trio mitten im Abenteuer deutsche Bundesliga. „Ich fühle mich hier sehr wohl, mir fehlt es an nichts, außer der Familie. Wenn die zu Besuch war, haben wir natürlich ein bisschen was unternommen, aber sonst bin ich voll in der Arbeit“, erzählt Oliver Glasner nach etwas mehr als einem Jahr beim VfL Wolfsburg. Das er als äußerst fordernd beschreibt: „Ich hatte schon immer ein hohes Arbeitspensum, aber in diesem Jahr war es extrem hoch. Es war sehr intensiv und anstrengend, aber in vielen Momenten auch sehr schön“, betont der 46-Jährige.

Wenig Zeit für Hobbies
Die Unterschiede zur Heimat seien im Fußball deutlich erkennbar. Auch abseits der viel größeren Stadien und Besucherzahlen: „Die Kommunikation ist viel mehr geworden. Einerseits ist intern der Staff viel größer als in Österreich, egal ob das Physiotherapeuten, Analysten oder Scouts sind, da gibt es deutlich mehr Leute, mit denen man sich regelmäßig austauscht. Andererseits ist die Medienlandschaft eine andere, auch da ist natürlich einiges dazugekommen.“ Nicht zu vergessen die Herausforderungen, die die Corona-Krise auch dem VfL Wolfsburg beschert hat. „Wir mussten gefühlt jeden zweiten Tag die Planungen über den Haufen werfen, weil sich die Rahmenbedingungen wieder verändert hatten und es gab sehr ungewöhnliche Situationen wie Home-Training oder Training in Kleingruppen“, so Glasner. Für Hobbys blieb da fast keine Zeit: „Immerhin kam ich im Sommer, als es bis 22.30 Uhr hell war, am Abend das eine oder andere Mal noch ein wenig zum Golf spielen.“

670 Kilometer entfernt
Ganz ähnlich verhält es sich bei Angerschmid. Die Familie ist auch zu Hause in Oberösterreich, genauer gesagt in Eitzing, geblieben. „Meine Kinder sind ja ebenfalls schon groß, da geht es leichter“, so der 46-Jährige. Und Zeit für gegenseitige Besuche gibt es natürlich trotz aller Arbeit. „Wir fahren, so oft es geht, heim und die Familien kommen auch immer wieder nach Wolfsburg.“ Die Stadt mit rund 125.000 Einwohnern liegt ja nicht aus der Welt, die Fahrzeit für die rund 670 Kilometer beträgt, je nach Verkehrslage, rund fünfeinhalb Stunden. „Kommt aber auch immer drauf an, wer fährt“, sagt Angerschmid augenzwinkernd. „Nur während des Corona-Lockdowns ging es ein wenig schneller, da gab es kaum Verkehr und keine Baustellen oder Staus.“ Da konnte man dem Dienst-VW-Touareg dann auch mal das eine oder andere Stundenkilometer mehr entlocken. Wolfsburg selbst gefällt den Oberösterreichern jedenfalls sehr gut. Es ist eine grüne Stadt, durch die der Mittellandkanal fließt. Es gibt viel Radwege und zwei, drei größere Seen in der Umgebung. Einer davon, der Allersee, liegt sogar direkt hinter dem Trainingsgelände.

Willkommenes Stadtleben
Dort befindet sich auch das Lieblingsplätzchen von Thomas Sageder. „Auf der Terrasse des Courtyard gehe ich bei schönem Wetter an einem freien Tag gerne Frühstücken und bleibe dann auch ein wenig länger sitzen.“ Im Gegensatz zu Glasner und Angerschmid sind seine Kids noch kleiner, nämlich 8 Jahre und 8 Monate. „Die Besuche sind unregelmäßig, aber wir kommen damit zurecht“, hat sich auch der 37-Jährige gut eingelebt: „Wir wurden super aufgenommen und fühlen uns sehr wohl“, fasst er die Stimmung im OÖ-Trio zusammen. „Für die wenige Zeit, die neben Training und Spielen bleibt, ist Wolfsburg eine Stadt, die viel mit sich bringt. Das Angebot, gerade für Familien, ist sehr groß“, so Sageder. Das wisse besonders sein älterer Sohn zu schätzen. „Er genießt das Beste aus zwei Welten. Daheim in Riedau das Landleben und wenn er zu Besuch in Wolfsburg ist, das Stadtleben.“ Das Nachleben sei hingegen überschaubar. „Aber das brauchen wir alle eh nicht mehr“, lacht Angerschmid.

Überragende Eindrücke
Gute Lokale zum Essen gehen genügen. Ansonsten dreht sich in Wolfsburg (fast) alles um VW. Die Autostadt ist ein Auslieferungszentrum für Neuwagen, ein Museum und ein Freizeitpark der Volkswagen AG in unmittelbarer Nähe des Werks. „Da wird bis hin zu Konzerten wirklich viel geboten“, weiß Angerschmid. Aber: „Wenn neben Fußball wirklich einmal Zeit bleibt, liege ich gerne auf meiner Dachterrasse zum Entspannen.“ Das wird in der aktuellen Herbstmeisterschaft wohl selten der Fall sein, das Programm ist extrem dicht. „Dieselbe Anzahl an Spielen wie sonst, aber in kürzerer Zeit“, weiß Kollege Sageder.  Der Traum deutsche Bundesliga wird da noch intensiver gelebt werden: „Fußball in Deutschland ist einfach in allen Bereichen mindestens eine Nummer größer als in Österreich“, betont Angerschmid. Und Sageder ergänzt: „Die Eindrücke in Deutschland sind überragend. Die Stadien, das Umfeld, die Infrastruktur, das Drumherum – alles Wahnsinn. Hoffentlich dürfen auch bald wieder Fans zu den Spielen!“

Trend fortsetzen
Und den VfL zu weiteren Erfolgen treiben. „Es ist in der Vereinsgeschichte erst zum dritten Mal gelungen, die Europacup-Qualifikation zwei Jahre in Folge zu schaffen. Das zeigt, dass wir über die gesamte Saison sehr gut performt haben“, zog Glasner nach der letzten Saison Bilanz.  Darauf könne man aufbauen: „Das Entscheidende bei einer Entwicklung ist, dass der Trend nach oben geht und das ist absolut gegeben. Diesen Trend wollen wir kommende Saison fortsetzen“, lautet das Motto Glasners. Beeindruckt hat ihn die enorme Qualität der Spieler und Mannschaften sowie Ausgeglichenheit in der Bundesliga: „Auch wenn die Bayern am Ende immer wegmarschieren, ist es sehr eng. Wenn wir nicht bei 100 Prozent spielen, verlieren wir – und das geht fast jeder Mannschaft so.“ Und was hat Glasner überrascht? „Die extreme mediale Aufmerksamkeit, die herrscht und der enorme Stellenwert, den der Fußball genießt. Anonymität gibt es hier für Fußballspieler oder -trainer kaum, das hat mich in dieser ausgeprägten Form schon noch überrascht.“

 

Foto: VfL Wolfsburg